Allāh bestimmt Katastrophen für Kinder – warum?
Frage (Nr. 13610):
Ich versuche meiner nichtmuslimischen Freundin zu helfen, die wahre Religion bei Allāh kennenzulernen. Eine der Fragen, die sie mir stellte, war: „Ich verstehe die Überzeugung, dass Gott prüft. Was aber, wenn zum Beispiel eine Mutter ihr Kind in einen Abfallbehälter wirft, weil sie es nicht will und bei der Prüfung dieser Liebe kläglich versagt hat. Oder eine Frau, die so viel Liebe und Sehnsucht nach einem Kind verspürt, dass sie eines stiehlt. Sie versagt bei ihrer Prüfung, weil sie sich ein Kind auf falsche Art und Weise beschafft hat. Es geht mir nicht um die Erwachsenen, die falsch handeln, sondern um die Kinder. Mit anderen Worten: Hat Gott das kleine Baby geprüft, indem seiner Mutter erlaubt wurde, es in einen Abfalleimer zu werfen? Welche Art von Prüfung ist das? Wird ein Kind, dessen Eltern ihm körperlichen Schaden zufügen, geprüft? Welche Art von Prüfung ist das? Wie viel Schmerz kann ein Kind ertragen? Meine Frage hat also mit den Unschuldigen zu tun und nicht mit den Schuldigen. Warum sollte Gott es erlauben, dass solche Unschuldigen weltweit leiden müssen? Das kann ich nicht verstehen.“
Antwort:
Alles Lob gebührt Allāh.
Alles Lob gebührt Allāh, Der in allen Sprachen gepriesen und zu allen Zeiten angebetet wird. Sein Wissen umfasst alle Orte und Seine Aufmerksamkeit wird durch nichts abgelenkt. Erhaben ist Er darüber, irgendeinen Rivalen oder Nebenbuhler zu haben und erhaben ist Er darüber, dass Ihm Frau und Kinder zugeschrieben werden. Sein Gesetz gilt für all Seine Diener.
„Nichts ist Ihm gleich; und Er ist der Allhörende und Allsehende.“ (42:11, in ungefährer Bedeutung)
Und Frieden und Segen seien mit demjenigen, der als Gnade für die Welten und als Beweis für die gesamte Menschheit entsandt wurde. Er verkündete die Botschaft und erfüllte das Abkommen und mühte sich um Allāhs willen im wahrsten Sinne des Wortes, bis er uns einen deutlichen Pfad hinterließ, dessen Nacht so klar ist wie der Tag, und niemand irrt davon ab außer dem Verdammten…
Wir müssen anmerken, dass jeder, der an die Existenz Allāhs glaubt sowie daran, dass Er der Herr und Schöpfer ist, selbst wenn dieser Gläubige an die Existenz Allāhs kein Muslim ist, weiß, dass sein Herr in allen Aspekten anders ist als Seine Schöpfung. Es gibt keinen Raum für Vergleiche mit Seiner Schöpfung. Daher sagt Allāh (ungefähre Bedeutung): „Nichts ist Ihm gleich; und Er ist der Allhörende und Allsehende.“ (42:11).
Wenn der Besitzer einer Sache in dieser Welt damit tun kann, was auch immer er will, ohne dass ihn jemand dafür zur Rechenschaft zieht, da es sein Eigentum ist, dann kann Allāh – Dem nichts und niemand ähnlich ist – mit Seinem „Besitz“ tun, was auch immer Er will. Wir Muslime haben die sichere Gewissheit, dass unser Herr, Der uns erschuf, allumfassende Weisheit besitzt und niemals den leichtesten Mangel hat. Jeder, der an die Existenz des Herrn glaubt und ihn als Herrn akzeptiert, muss dies glauben, ansonsten glaubt er an einen unvollkommenen Herrn und wer auch nur ein wenig Glauben und Verstand besitzt, weiß, dass es keinen Herrn geben kann, Der nicht in jeder Hinsicht perfekt ist und weit entfernt von jeder Unvollkommenheit. Sonst wäre er nicht der Herr im tatsächlichen Sinne. Wir hingegen, als Bestandteil der Schöpfung Allāhs, können nicht jeden Teil Seiner Weisheit erfassen, außer Er berichtet uns darüber. Was Er uns von den Gründen hinter Seinen Taten lehrte, verstehen wir und akzeptieren es. Was Er vor uns verborgen hat und an Wissen bei Sich Selbst behält, daran glauben wir und wissen, dass Er nichts tut, außer es verbirgt sich eine gewaltige Weisheit dahinter. Denn Er ist der Allweise und Allwissende. Unter keinen Umständen darf uns der Gedanke kommen, dass wir Ihn zur Rechenschaft ziehen könnten für das, was Er in Seinem Reich und mit Seiner Schöpfung tut, denn ansonsten überschreiten wir gewisse Grenzen, wenn wir behaupten, wir würden wissen, was Er weiß. Niemand kann solche Worte äußern außer einem Ketzer, der nicht aufrichtig an die Existenz eines Herrn glaubt. Wir suchen Zuflucht bei Allāh vor so etwas.
Wir akzeptieren die Worte menschlicher Spezialisten auf ihren Fachgebieten, wie z. B. von Ärzten oder Ingenieuren, und diskutieren nicht mit ihnen, weil unser Bildungsniveau es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen, was sie wissen. Somit ist es umso angemessener, dass wir die Vorgehensweise des Allwissenden, vor Dessen Wissen nichts verborgen ist, hinsichtlich der Angelegenheiten Seiner Schöpfung als zweifellos korrekt und weise akzeptieren.
Wir Menschen glauben manchmal, dass es klug ist, etwas zu tun, was wir nicht mögen, denn es liegt ein Nutzen für uns darin und würden wir es nicht tun, würde man uns als dumm titulieren. Beispielsweise wenn jemand krank ist und die Befürchtung besteht, dass er sterben muss, doch eine bestimmte Medizin könnte ihm mit Allāhs Erlaubnis helfen. Deshalb sollte er die Medizin schlucken, auch wenn sie bitter ist. Tut er es nicht, dann wird es als Fehler betrachtet und als unklug. Es gibt viele Dinge in unserem Leben, die wir nicht mögen und doch tun, weil sie uns Nutzen bringen.
Denn Allāhs ist die höchste Beschreibung (vgl. 16:60) und Er kann nicht mit Seiner Schöpfung verglichen werden. Er lässt einige Dinge geschehen, die Er verabscheut, denn sie dienen einer höheren Weisheit, die wir – oder die meisten von uns – nicht verstehen können. Einiges von Seiner Weisheit kann sich uns erschließen und das ist eine Gnade von Allāh für Seine gläubigen Diener, da Er ihnen etwas von Seiner Weisheit in dieser Welt offenbart, damit ihre Gemüter Ruhe finden. Wenn wir z. B. etwas über die Ursachen von etwas erfahren möchten, was wir verstehen können, wie die Erschaffung eines Kindes, das dann sterben muss, dann sehen wir vielleicht, dass das Kind in seinem späteren Leben große Sünden begangen hätte, die es für alle Ewigkeit zur Hölle verdammt hätten oder zumindest für eine lange Zeit, oder es hätte andere dazu gebracht, vom rechten Weg abzuirren, wie es in der Geschichte des Jungen erwähnt wird, den al-Khidr tötete, wovon in der Sūrah al-Kahf berichtet wird. Wäre das Kind am Leben geblieben, dann wäre es großen Schwierigkeiten ausgesetzt gewesen, sodass sein Tod eine Gnade von Allāh ist.
Wenn Allāh ein Kind behindert erschafft, dann wird diese Behinderung es vielleicht davon abhalten, viele Sünden zu begehen, durch die es andernfalls am Tag der Auferstehung einer Strafe ausgesetzt worden wäre.
Nicht jede Krankheit oder Behinderung ist notwendigerweise eine Strafe. Vielmehr kann es eine Prüfung für die Eltern des Kindes sein, durch die Allāh ihnen ihre schlechten Taten auslöscht, oder ihren Rang im Paradies erhöht, wenn sie sie mit Geduld überstehen. Wird das Kind größer, so ist es auch eine Prüfung für es selber und wenn es geduldig und gläubig bleibt, dann hat Allāh für die Geduldigen eine gewaltige Belohnung bereitet. Allāh sagt (ungefähre Bedeutung): „… Gewiss, den Standhaften wird ihr Lohn ohne Berechnung in vollem Maß zukommen.“ (39:10).
Für uns Muslime endet das Leben nicht, wenn wir sterben, sondern wir glauben daran, dass es nach unserem Tod Paradies und Hölle gibt, welche das wahre Leben darstellen. Wer Gutes tat, wird den Lohn für die guten Taten in dieser Welt vorfinden, auf ihn bei Allāh wartend, und wer Schlechtes tat, wird die Strafe für seine Übeltaten vorfinden. Gut und Schlecht können nicht gleich sein und die Geduld derjenigen, die geprüft wurden und es standhaft überstanden, wird bei Allāh nicht verloren gehen. Tatsächlich werden diejenigen, die in dieser Welt nicht geprüft wurden, sich wünschen, sie hätten ähnliches Unglück erleiden müssen, wenn sie den hohen Rang derer sehen, die ihr Leid mit Geduld ertrugen. Es gibt dafür viele Beweise im Qur’ān und der Sunnah, wie zum Beispiel:
Allāh sagt (ungefähre Bedeutung): „Und Wir werden euch ganz gewiss mit ein wenig Furcht und Hunger und Mangel an Besitz, Seelen und Früchten prüfen. Doch verkünde frohe Botschaft den Standhaften (al-Sābirūn)“ (2:155).
Der Gesandte Allāhs (Allāhs Frieden und Segen seien mit ihm) sagte: „Wie wunderbar ist die Angelegenheit des Gläubigen, denn alles für ihn ist gut und das gilt nur für den Gläubigen. Wenn ihn etwas Gutes trifft, dann ist er dafür dankbar und das ist gut für ihn. Und wenn ihn etwas Schlechtes trifft, dann erträgt er es mit Geduld und das ist gut für ihn.“ (Muslim #2999)
Damit sollte dir klar sein, dass das Unglück, welches jene trifft, die unschuldig zu sein scheinen, und welches tatsächlich jeden trifft, nicht zwingend eine Strafe sein muss, sondern es kann eine Gnade von Allāh sein. Doch unser Verstand ist unvollkommen und oftmals nicht in der Lage, die Weisheit Allāhs zu begreifen. Entweder glauben wir, dass Allāh gerechter, weise und barmherziger zu seiner Schöpfung ist als wir es sind und somit unterwerfen wir uns Ihm und akzeptieren Seinen Willen, während wird auch unsere Unfähigkeit anerkennen, die wahre Natur unserer selbst zu verstehen, oder wir prahlen mit unserem mangelhaften Verstand und sind stolz auf unser schwaches Dasein und bestehen darauf, Allāh zur Verantwortung ziehen zu wollen und Seine Bestimmung abzulehnen. Solche Gedanken können niemals den Kopf von jemandem durchkreuzen, der an die Existenz eines weisen Herrn, Schöpfers und Herrschers, Der in jeder Hinsicht perfekt ist, glaubt.
Wenn wir das tun, haben wir uns selbst dem Zorn und der Vergeltung Allāhs ausgesetzt, doch nichts kann jemals Allāh schaden.
Allāh lenkt die Aufmerksamkeit darauf, indem Er sagt (ungefähre Bedeutung): „Er wird nicht befragt nach dem, was Er tut; sie aber werden befragt.“ (21:23).
Ein Zeichen der Schwäche des Menschen und seiner Kurzsichtigkeit ist, dass er sich auf die Unglücke konzentriert, ohne aber darauf zu achten, dass er andere Segnungen erhält, die ihn erfreuen und die er rund um sich herum sieht. Denn Allāh hat die Menschheit auf Arten gesegnet, die nicht mit dem Leid verglichen werden können, welches ihn trifft. Gibt es einen Mann, der viel Gutes tut, doch zwischendurch unterlässt er es, dann würde es als undankbar und falsch angesehen werden, all das Gute zu vergessen, das er bis dahin getan hat. Was also erst, wenn dies unsere Einstellung gegenüber Allāh ist, Dem die höchste Beschreibung gebührt und Dessen Behandlung Seiner Schöpfung gut ist und niemals schlecht sein kann?
Außerdem sind die Propheten und Gesandten Allāh von der gesamten Schöpfung am liebsten und dennoch wurden sie am härtesten geprüft und erlitten das meiste Leid – warum? Das war keine Bestrafung für sie und es geschah nicht aufgrund ihrer Unwichtigkeit vor ihrem Herrn. Vielmehr lag es daran, dass Allāh sie liebte und für sie eine perfekte Belohnung auserwählt hat, an der sie sich im Paradies erfreuen werden. Er hat für sie dieses Leid bestimmt, damit Er ihren Rang erhöhen kann. Er tut, was Er will, wie Er es will und wann Er es will. Niemand kann Sein Urteil aufhalten, niemand kann Seinen Befehl ablehnen und Er ist der Allweise, der Allwissende. Allāh ist der Höchste, Wissendste und Weiseste.
Wisse: Was du über deine Freundin erwähnt hast, so müssen wir dich darauf hinweisen, dass es harām ist, eine Beziehung zwischen Mann und Frau aufzubauen. Für weitere Informationen zu diesem wichtigen Thema siehe bitte in den Fatwas zu den Fragen #9465 und 1200.
Scheikh Muhammad Salih al-Munajjid